Wir gratulieren Azlaea Kincaid ganz herzlich zu ihrem gewonnen Status! Sie ist nun stolze Trägerin des Status
, sich bei Ophelia Vega zu melden, wenn sie gerne Feedback zu ihrer Einsendung hätten. Und Kopf hoch, auch wenn es diesmal nicht geklappt hat - uns stehen noch so einige tolle Wettbewerbe bevor!
Natürlich wollen wir euch den Gewinnertext auch nicht vorenthalten, also dürft ihr euch diesen hier nun durchlesen!
✧ Gewinnertext
“Der einzige Faden, dem man im Labyrinth trauen kann, ist der, der einen an das erinnert, was man nicht verlieren darf.”
Das Geräusch hinter ihr war nah. Zu nah, um Einbildung zu sein. Und doch zu fern, um eine winzige Hoffnung an diesem Ort zuzulassen. Eileen Collins zwang sich, weiterzugehen. Jeder einzelne Schritt hallte von den steinernen Wänden der schmalen Gänge wieder, beinahe, als würde das Labyrinth ihre Anwesenheit registrieren, sie verhöhnen, während das schwere, unheilvolle Schnauben des Minotaurus wie eine unausgesprochene Warnung in der Luft hing.
Die dunklen Gänge vor ihr wirkten seltsam instabil, als würden sie sich im Takt einer verstrichenen Sekunde neu formen. Eileen legte die zierliche Hand an die Wand, fuhr mit den schlanken Fingern über den kühlen Stein und suchte nach einer Unebenheit, nach einem Zeichen, das ihr bestätigte, dass sie diesen Weg schon einmal gegangen war. Doch das Gestein blieb makellos. Die Markierungen, die sie hinterlassen hatte, waren vollständig verschwunden, als hätte das Labyrinth entschlossen, ihr die Gewissheit zu nehmen.
Sie hatte geglaubt, vorbereitet zu sein. Glaubte, Wissen könnte Ordnung schaffen. Selbst an einem Ort wie diesem. Karten, Berechnungen, rationale Überlegungen - all das hatte ihr einst Sicherheit gegeben. Doch nun wirkten diese Gedanken seltsam hohl. Beinahe lächerlich. Das Labyrinth des Daidalos folgte keinem Sinn, den sie verstehen konnte. Es war kein Bauwerk, sondern eine Prüfung, geschaffen, um den Verstand zu zermürben und die Hoffnung, langsam, aber stetig, auszulöschen.
Eileen nahm einen tiefen Atemzug und zwang sich, den unsicheren Blick nach vorn zu richten. Stillstand war gefährlich. Sie wusste, dass viele vor ihr an diesem trostlosen Ort ihr Leben gelassen hatten. Nicht nur durch die Klauen des Monsters, das hinter jeder Ecke lauern konnte. Nein, durch das Zögern, den Moment, in dem die Angst stärker gewesen war als der Wille, weiterzugehen.
“Eileen”
Die leise Stimme schnitt durch ihre rasenden Gedanken. Zu leise. Doch unüberhörbar. Sie hielt inne, lauschte der Stille, in der lediglich ihr eigener Herzschlag in einem rasanten Rhythmus tobte, während sie sich langsam umdrehte. Der Gang war leer, regungslos, als hätte sich noch nie etwas in seinem Inneren bewegt. Und dennoch war sie sich absolut sicher, dass sie die Stimme gehört hatte.
Eileen schluckte, ehe sie den Kopf schüttelte. Sie musste sich irren. Müdigkeit, Furcht, vielleicht der Beginn des Wahnsinns. All das erklärte mehr als eine Stimme, die ihren Namen kannte. Doch ein leises Flüstern in ihrem Inneren blieb, warm und vertraut, wie eine Erinnerung, die nicht verblassen wollte.
Sie machte einen Schritt. Dann einen weiteren. Zögerte, kurz, nur einen Moment lang, als erwartete sie, dass der Boden unter ihrem Gewicht nachgeben und sie verschlingen würde. Doch stattdessen bebte der Stein unter ihren Füßen, kaum wahrnehmbar, wie das ferne Echo eines entfernten Herzschlags. Eileen hielt den Atem an. Die Wände begannen, sich zu verändern, rückten näher zusammen, nicht hastig, bedächtig, als würde das Labyrinth den Augenblick ihrer Angst vollständig auskosten wollen.
Der Gang verengte sich, zwang sie, die Schultern einzuziehen, während der kalte Stein gierig über ihre Haut schabte. Ein weiteres, unheilvolles Schnauben erklang. Tiefer. Voller Ungeduld. Nicht von hinten, wie zuvor. Nein, von überall.
Sie spürte, wie die heiße, lähmende Panik in ihr aufstieg, ehe ihre Gedanken begannen, sich zu überschlagen. Nach einem Ausweg suchten. Nach Regeln. Nach etwas, worauf sie sich verlassen konnte. Doch das Labyrinth reagierte nicht auf Logik. Es reagierte auf Schwäche. Und Eileen hatte ihre längst offenbart. “Nicht jetzt”, flüsterte sie leise, mehr Bitte als Befehl. Der Gang endete abrupt. Eine glatte Steinwand, so nah, dass sie unwillkürlich die Hand ausstreckte und dagegen stieß. Kein Durchgang. Keine Abzweigung. Nur kalter, unnachgiebiger Fels. Hinter ihr hallte ein dumpfer Laut, schwer, vibrierend. Als hätte etwas Großes den Boden betreten.
Eileen wirbelte herum. Der Schatten, der über die Wände tanzte, war gewaltig, verzerrt vom Licht, das über den Stein flackerte und doch unverkennbar. Hörner, breit und gebogen, zeichneten sich ab. Schritte, die den Boden erzittern ließen. Ihr Herz raste.
Eine Flucht? Unmöglich.
Ein Kampf? Sinnlos.
“Eileen.”
Die Stimme kehrte zurück. Schärfer. Dringlicher. Kein Trost lag mehr in ihr, sondern ein Befehl, der nicht ausgesprochen werden musste. Ihre Zähne knirschten, als die Muskulatur ihres Kiefers sich verhärtete und sie versuchte, sich nicht von dem imposanten Schatten lähmen zu lassen. Das Wesen - der Minotaurus - war nicht vollständig zu sehen, doch seine Präsenz füllte den Gang, als wäre es ein Gewicht, dem man nicht entkommen konnte.
Der Boden bebte erneut. Stärker. Staub rieselte von den Wänden, setzte sich auf Haar und Kleidung, kroch in ihre bebende Lunge. Sie hustete, versuchte hastig das Geräusch zu unterdrücken und verfluchte sich im nächsten Moment, weil es nicht gelang. Geräusche bedeuteten Aufmerksamkeit. Und im Labyrinth des Daidalos bedeutete Aufmerksamkeit den Tod.
Ihre Augen huschten über die kargen Steinwände. Suchten verzweifelt nach einer Öffnung. Einem Spalt. Irgendetwas, was sie übersehen hatte. Doch der Gang blieb eine Falle. Glatt. Verschlossen. Unerbittlich. Das Labyrinth hatte sie bewusst eingeschlossen. Nicht aus Zufall. Nicht aus Gleichgültigkeit. Aus purer, berechnender Absicht. Ein tiefes, kehliges Brummen erklang, so nah, dass sie es in ihren Knochen spürte. Die Hörner traten aus dem Schatten hervor, gefolgt von einer massigen Silhouette, die das Blut in ihren Adern gefrieren ließ. Ein weiterer Schritt. Der Stein erzitterte und selbst das Labyrinth schien in diesem Augenblick für den Bruchteil einer Sekunde vor dem Wesen zurückweichen zu wollen.
Eileen tat es. Und spürte lediglich den kalten Stein, der sich gegen ihre Schulterblätter presste und ihr keinen weiteren Raum ließ, um zurückzuweichen. Ihre Finger kratzten, versuchten Halt zu finden. Doch sie fanden nichts als Schmerz. Denk nach, ermahnte sie sich, Nicht aufgeben. Nicht erstarren.
Ihre Gedanken fanden keinen Halt. Kreisten. Kamen immer wieder zu derselben bitteren Erkenntnis: Es gab keinen Weg, um zu entkommen. Nicht hier. Nicht jetzt. Das Labyrinth hatte sie ausgeliefert. Und das Monster würde den Rest erledigen.
Eine Erkenntnis, die mehr in ihr auslöste. Ein Gefühl. Älter. Schwerer. Ein Gefühl, das sie zu gut kannte: Schuld.
Ein Gefühl, das sie unter Berechnungen und Theorien begraben hatte. Doch in diesen Gängen gab es keinen Raum mehr, um Ausreden zu finden. Das Labyrinth riss alte Wunden auf. Zwang sie, hinzusehen. Egal, ob sie wollte oder nicht. Und plötzlich wusste sie den Grund, weshalb sie wirklich hier war: ihre Schwester.
Ein Bild, das sich schmerzhaft in ihre Gedanken gebrannt hatte. Der Eingang zum Labyrinth, der damals so unscheinbar ausgesehen hatte. Das Zögern. Der Blick, der einen Hauch zu lang auf ihr geruht hatte, als hätte ein einziges Wort ausgereicht, um ihre Schwester von ihrem Plan abzuhalten. Doch Eileen hatte geschwiegen. Hatte Fakten erklärt, als wüsste sie alles über das Labyrinth.
Ich komme zurück, hatte ihre Schwester gesagt. Sie hatte genickt, hatte daran geglaubt, dass das Wissen reichen würde, um das Labyrinth zu bezwingen. Wie sehr sie sich doch getäuscht hatte.
Ein dumpfer Laut hinter ihr holte sie zurück in die Gegenwart. Die Hufen des Minotaurus scharrten über den Stein, ungeduldig - wartend - als spürte er ihre aufblühende Schwäche. Eileen schluckte. Ihre Kehle brannte, als hätte sie Staub und Erinnerungen zugleich eingeatmet. Es war nicht Neugierde gewesen, die sie in das Labyrinth des Daidalos gebracht hatte. Nicht Ehrgeiz oder der Wunsch nach Ruhm. Keine Strafe der Götter. Sie war dem Labyrinth gefolgt, weil ihre Schwester es getan hatte. Weil sie verschwunden war, ohne Spur, ohne Abschied, einfach verschluckt von den steinernen Gängen, die sich nun um sie selbst schlossen. Jeder Gedanke. Jeder Schritt, den sie gemacht hatte. Alles hatte nur ein Ziel: sie zu finden. Oder zumindest zu verstehen, wieso sie nie zurückgekehrt war. “Es ist meine Schuld”, murmelte Eileen kaum hörbar. Sie hätte sie aufhalten müssen. Hätte keine Erklärungen liefern dürfen, sondern sie warnen müssen. Aufhalten müssen. Doch ihre Schwester hatte geglaubt, sie hätte die Kontrolle. Ein Glaube, wegen dem Eileen alles verloren hatte, was sie liebte.
Das Schnauben des Minotaurus wurde lauter. Für einen flüchtigen, erschreckenden Moment glaubte sie sogar, darin dieselbe blinde Wut zu erkennen, die sie damals selbst verspürt hatte, als ihre Schwester ihre Ratschläge ausgeschlagen hatte. “Ich bin wegen dir hier.” Fünf Worte, die über ihre Lippen krochen und von denen Eileen nicht wusste, wem sie galten. Dem Labyrinth? Dem Wesen vor ihr? Ihrer Schwester?
Die Stimme sprach kein weiteres Mal ihren Namen. Und doch war sie da. Ein leises Flüstern, das sich wie ein dünner Faden in ihrem Inneren spannte, der sie an ein Versprechen erinnerte, das sie nie eingelöst hatte.
Der Faden zog sich zusammen.
Nicht sichtbar. Nicht greifbar. Und doch zog er sich mit einer Klarheit durch ihr Inneres, die schmerzte. Eileen senkte einen Augenblick die Lider über das leuchtende Grün, als könne sie damit das Labyrinth ausblenden. Doch anstatt der gewünschten Dunkelheit blitzten Bilder auf. Fragmente. Erinnerungen, die sich nicht länger verdrängen ließen.
Ihre Schwester hatte gelächelt. Zu ruhig. Zu entschlossen. Kein Lächeln, geboren aus Zuversicht. Nein, aus Trotz. Aus dem Wunsch zu beweisen, dass auch dieses Labyrinth bezwungen werden konnte, wenn man sich ihm auf die richtige Weise stellte. Eileen hatte die Gefahren gekannt. Hatte sie benannt. Erklärt. Ein Fehler. Ein dummer Fehler. Sie hätte es verdammt nochmal besser wissen müssen. Hätte wissen müssen, dass Worte ihre Schwester nicht aufhalten würden.
Eileen presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, als hätte sie Angst, dass ein einziger Laut sie endgültig verraten würde. Der Minotaurus war nah. Zu nah. Sie konnte das Kratzen seiner Hufe hören. Zu deutlich. Das dröhnende Scharren, mit dem er den Boden bearbeitete und ihre Anspannung ins Unermessliche trieb. Der Faden in ihr spannte sich weiter. Nicht wie ein Gedanke. Keine Erinnerung. Nein, wie etwas, das zog. Sanft, aber beharrlich. Weg von dem kargen Stein in ihrem Rücken. Weg von dem Monster. Raus aus der lähmenden Starre, die ihre Glieder an Ort und Stelle fesselte.
Sie öffnete die Augen. Der Gang war nicht mehr derselbe. Die Wand aus kargen Stein hatte Risse. Fein. Leicht zu übersehen. Doch sie waren da. Das helle Licht flackerte, wanderte über die Risse wie flüssiges Gold, kurz, nur für einen Augenblick, ehe es verschwand. Eine Einbildung? Eileens Herz schlug hart gegen ihren Brustkorb, als die Stimme erneut erklang.
“Hier.”
Ihre schmalen Finger zuckten, während das satte Grün den feinen Rissen folgte, dem goldenen Schimmer, der sich erneut zeigte, als würde das Labyrinth zögern, ihr diesen Weg wirklich zu offenbaren. Ihr Verstand riet zur Vorsicht. Schrie nach Analyse. Nach Gewissheit. Doch Eileen wusste, dass das Labyrinth sämtliche Formen von Kontrolle verschlang. Der Minotaurus brüllte. Ein Laut, der die steinernen Wände zum erzittern brachte und den Staub wie Asche aus den Fugen riss. Sie zuckte zusammen, spürte, wie der Faden in ihrem Inneren schmerzhaft spannte. Nicht warnend. Drängend. Jetzt!
Eileen stieß sich von der Wand ab. Der Schmerz in ihrer Schulter war scharf, real. Ein willkommener Anker. Sie taumelte einen Schritt zur Seite, während ein Zischen über ihre Lippen kroch und sie die kleinen Hände gegen den Stein presste. Der Fels fühlte sich anders an. Nicht kalt. Nicht tot. Er gab nach. Nur minimal. Als würde etwas hinter ihm atmen. “Bitte”, flüsterte sie, ohne zu wissen, zu wem sie sprach.
Der Stein riss auf.
Nicht explosionsartig. Nicht gnädig. Er spaltete sich auf. Langsam. Zäh. Widerwillig. Als würde das Labyrinth mit dieser Entscheidung ringen. Ein schmaler Durchgang öffnete sich. Kaum genug. Dahinter: Dunkelheit. Der Minotaurus setzte zum Angriff an und Eileen dachte nicht nach. Sie handelte. Und zwängte sich hindurch. Spürte, wie Kleidung riss und spitzer Fels über die Haut schabte. Hinter ihr krachte etwas gegen die Wand. Ein ohrenbetäubender Schlag, der den schmalen Gang zum Beben brachte. Ein Horn durchbrach den Stein und verfehlte sie um Haaresbreite, ehe der Spalt sich schloss.
Eileen stolperte und schlug hart auf dem Boden auf, während der Gang hinter ihr wieder zu einem makellosen Teil des Labyrinths wurde. Kein Durchgang. Keine Risse. Nicht die kleinste Spur. Nur Stille.
Sie blieb zitternd liegen, presste das Gesicht gegen kühlen Stein, während ihr Herz raste und randalierte, als wolle es sich aus ihrer Brust befreien. Tränen brannten in ihren Augen, doch sie hielt sie zurück. Ließ ihnen keinen freien Lauf. Nicht jetzt. Sie horchte in sich hinein. Das Gefühl - der Faden - war noch da. Schwächer. Aber vorhanden. Eileen hob langsam den Kopf. Der neue Gang wirkte anders. Älter. Brüchiger. Der Boden besaß ein leichtes Gefälle. Führte tiefer. Oder vielleicht zu einem Ausgang. Im Labyrinth konnte beides dasselbe bedeuten. “Du bist noch hier”, eine Feststellung, keine Frage.
“Ich bin nie gegangen.”
Eileen schloss die Augen. Ein schmerzhafter Knoten löste sich in ihrer Brust. Vielleicht war es Wahnsinn. Vielleicht Schuld, die eine Stimme gefunden hatte. Vielleicht das Echo ihrer Schwester, eingefangen von diesem furchtbaren Ort. Es spielte keine Rolle mehr.
Es war ihr Ariadnefaden.
Und solange er nicht riss, würde sie weitergehen.
Langsam richtete sie sich auf, wischte sich das Blut und den Staub von den Händen und setzte zitternd einen Fuß vor den anderen. Hinter ihr hallte kein Schnauben mehr, doch Eileen wusste es besser. Das Monster hatte nicht aufgegeben. Nein, es wartete, denn das Labyrinth ließ niemanden einfach gehen.
Aber Eileen ging trotzdem weiter.