Die
Gewinner
Orakel von Delphi
-- prophet girl, chosen by the sun, do you hear the gods whispering those silent stardust words? // cursed daughter, uttering insanities no one believes, do you regret taking the vow? --
Einleitung. Der Geist des Orakels ist durchs Camp gezogen, hat einen möglichen Gastkörper nach dem anderen betrachtet, hat nach einer Person gesucht, die bereit ist, sich zu öffnen, um das Sprachrohr für Schicksal und Wahrheit zu werden... und nun ist seine Wahl gefallen.

Willkommen zurück auf dem SoMe-Blog! Vor nicht allzu langer Zeit haben wir hier eine ganz besondere Stellenanzeige aufgegeben: Ein Statuswettbewerb für die Suche nach einem neuen Orakel von Delphi - und die Gewinner von diesem wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten.
Es gab insgesamt 4 Einsendungen, welche diverse Prophezeiungen und Geschichten für Mira, Atlas und Sam (vorgegebene Charaktere) verfasst und sie auf einen vom Orakel ausgewählten Weg geschickt haben. Diese vier Texte wurden von unserer Jury (Dorian Ashford, Heather Sanford, Arien Brynmor, Ekaterina Donovoan-Lindqvist und Roy Walsh) bewertet, abgewogen und gefeedbackt, sodass wir nun unsere Gewinner verkünden können.

Wer dieser Gewinner ist? Das wollen wir euch nicht länger vorenthalten! Vorhang auf für euer Orakel:
Die Jury
Auswertung. Die Jury konnte Punkte von 0 (ungenügend) bis 15 (sehr gut) pro Kategorie vergeben. So konnten die Einsendungen eine Maximalanzahl von 375 Punkten erreichen. Zu bewerten gab es folgende Kriterien:
Kreativität: Wie kreativ ist der Kerngedanke der Einsendung?
Realismus: Ist der Realismus in Bezug auf das Percy Jackson - Universum eingehalten?
Aufbau / Form: Ist die Handlung logisch aufgebaut? Wurde ein RP verfasst? Wortanzahl?
Text: Ist der Text angenehm zu lesen? Gibt es Wiederholungen? Gibt es evtl. zu viele Gedankensprünge oder ist es schwer, dem Text zu folgen? Wie ist der Satzbau? Sind alle Voraussetzungen des Gewinnspiels erfüllt?
Persönlich: Das ganz persönliche Bauchgefühl

Die Gewinner-Einsendung hat eine Gesamtpunktzahl von 333 Punkten erreicht.
Aurelian Rayen
Erster Platz
Wir gratulieren Aurelian Rayen ganz herzlich zu seinem frisch gewonnenen Status als neues Orakel von Delphi! Nachdem wir ihn kontaktiert haben, hat er sich entschlossen den Geist von Apollo auf- und sich der Rolle des Orakels anzunehmen. Somit gibt es nun ein neues aktives Orakel im Camp, welches in RP's und Events, sowie auch Artikel in den Zeitungen verwendet werden kann. Beachtet dabei jedoch bitte die Regelungen dazu, die ihr in der Statusliste findet.
Nyssa McCallen
Zweiter Platz
Der Statuswettbewerb für das Orakel ist ein ganz besonderer - denn nicht jeder kann den Geist des Orakels in sich aufnehmen. Wer es jedoch versucht, verbleibt mit Malen vom Kontakt mit dieser Kraft... und wird ein Verfluchter. Für diesen Lebensweg hat sich auch unsere Zweitplatzierte Nyssa McCallen entschieden, die mit 317 Punkten knapp hinter Aurelian gelandet ist - herzlichen Glückwunsch, Nyssa!
"i am creation both haunted and holy."
Die Texte unserer beiden Gewinner wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten. Seht und staunet!
Aurelian Rayen Die Erstblüte nach dem Tod

Sam wusste einfach nicht mehr wie viele Tage sie schon unterwegs gewesen waren. Irgendwann hatte er einfach aufgehört zu zählen. Es spielt sowieso keine Rolle mehr. Warum auch? Vor ihm lag Leo auf dem schwarzen Stein, und überall um dessen Körper herum erblühte der schönste Frühling. Immerhin bedeutete das doch etwas, wenn Sam, als Sohn der Persephone, es so empfand. Oder?

Weiße Narzissen drängten sich durch die Risse im Fels. Asphodelen öffneten ihre Blüten zwischen dem dunklen Gestein. Grüne Ranken krochen über Leos dunkle Kleidung, legten sich um seine Arme und seine Hände, als wollten selbst die Pflanzen verhindern, dass er endgültig verschwand. Unter seinem Körper breitete sich Blut aus und färbte einzelne weiße Blütenblätter rot. Sam stand dort wie betäubt. Er konnte für die ersten Sekunden seinen Blick nicht von diesem Frühling abwenden. “Leo..” Seine Stimme zitterte, als er diesen Namen aussprach. Als nächstes gaben plötzlich seine Knie nach und Sam legte seine Hände auf den Oberkörper seines Freundes. Seine Hände zitterten, wie seine Stimme, als er nach etwas suchte. Wärme. Atemzug. Herzschlag. Doch da war einfach nichts. Tränen flossen über die sommersprossige Wangen Sams, als dieser immer und immer wieder einen Namen rief. “Leo!” Ein herzzerreißendes Rufen, ein Zeugnis des innerlich nun zerbrochenen. Beraubt der eigenen Seele, seines eigenen Herzens, seines ‘ichs’. All das verloren durch den Tod des Vertrauten.

Leo Mairi war siebzehn Jahre alt geworden. Ein großer, schlanker Junge von drahtiger Statur, mit ebenhölzernem Haar, das die feinen Züge seines Gesichts umspielte, wenn es nicht in einem Zopf zusammengefasst war. Er hatte eine helle Haut, was fast schon zu typisch für ein Kind des Hades war. Seine Augen waren ein klares Blau mit grünen Sprenkeln. Als hätte jemand kleine Sprossen darin eingepflanzt. Was jedoch untypisch für ein Kind des Hades ist, ist, dass seine Kleidung nicht aus schwarz und weiß besteht. Er trug eine dunkelblaue Jacke. Auf dem Rücken war ein Aufdruck drauf mit einem Totenkopf, der von Blumen Ranken umschlungen wurde. Darunter trug er meistens ein schwarzes Shirt, ohne Aufdruck und eine blaue Jeans. Auf der Jeans selbst waren einige Patch drauf gestickt. Logos von Marken oder von Bands. Sam erinnerte sich daran, dass Leo ihn darum gebeten hatte, diese dort drauf zu sticken. Dementsprechend und mit einem genervten Kommentar hatte er sich dieser Aufgabe angenommen. Sam hatte Leo oft damit aufgezogen, wo sich seine typische Hades-Trauer-Garderobe befand. Nun ja. Leo hat ihn jedes Mal beleidigt, auf diese Frage hin. Doch nun konnte er das nicht mehr. Noch immer hallten die Worte der Prophezeiung in seinen Erinnerungen, während er sich seinen schlafenden Freund anschaut. Der bestimmt.. bald aufwachen würde.

Eine Lüge. Leo Mairi würde nie wieder aufwachen.

Sam murmelte die ersten Zeilen der Prophezeiung.
Dabei hatte alles mit ein paar welken Blumen angefangen. Erst waren es einzelne Pflanzen gewesen, dann ganze Wiesen. Bäume verloren mitten im Frühling ihre Blätter und irgendwann hatte Cassia ihnen erzählt, dass selbst ihre Kassie - Ihr Baum, krank wurde. Die Wurzeln der Nymphen starben. Etwas raubte dem Frühling seine Kraft. Die Spur führte zu einer uralten Legende über die Erstblüte, einen Samen, den Persephone einst Hades geschenkt hatte. Irgendwo tief unter der Erde sollte sie verborgen liegen. Ein Traum in dem ihm seine Mutter begegnete, sorgte dafür, dass Sam empfänglicher für sein göttliche Erbe wurde. Sam hatte keine Ahnung gehabt, warum ausgerechnet er sie finden sollte. Bis das Orakel seinen Namen genannt hatte. Er erinnerte sich noch genau daran, wie sich sein Magen zusammengezogen hatte. Eine Prophezeiung. Eine echte Quest. Für einen kurzen Moment war da sogar Stolz gewesen. Immerhin wurde nicht jeder Halbgott vom Orakel auf eine Mission geschickt. Dieser Stolz hatte allerdings nicht lange gehalten. Vor allem die letzten Worte hatten ihm nicht gefallen. ‘Drei steigen nieder, wo kein Morgen scheint, zwei kehren heim, wenn selbst der Frühling weint.’ Sam hatte sie wieder und wieder im Kopf gedreht. Vielleicht bedeutete es, dass sich ihre Wege trennten. Vielleicht musste einer von ihnen einen anderen Ausgang nehmen. Vielleicht war mit ‘zwei kehren hei’ überhaupt nicht gemeint, dass der Dritte nicht zurückkehrte. Damals hatte Sam sich an jedes noch so kleine Vielleicht geklammert. Leo hatte nur gemeint, Orakel wären dramatische alte Nervensägen und würden absichtlich so reden, damit niemand bemerkte, dass sie eigentlich keine Ahnung hatten. Sam hatte darüber gelacht. Jetzt kniete er vor Leos Leiche und wünschte sich, er hätte es nicht getan.
“Wo Wurzeln dürsten unter schwarzem Stein,
wird längst verlorener Frühling Schlüssel sein.”

Cassia blieb so plötzlich stehen, dass Sam beinahe in sie hineinlief. Unter ihnen lag nichts als schwarzer Fels. “Hier.“, flüsterte sie. “Hier ist kein Baum.“, meinte Leo. Cassia kniete sich hin und legte beide Hände auf das dunkle Gestein. Einen Moment geschah nichts. Dann krochen feine, kranke Wurzeln aus einem Riss hervor und wickelten sich schwach um ihre Finger. “Doch.“, sagte sie. “Unter uns.“ Sam ging neben ihr in die Knie. Kaum berührten seine Finger eine der Wurzeln, erschien daran eine winzige weiße Knospe. Leo starrte darauf. “Die Erstblüte.“, stelle Leo trocken fest. Cassia nickte. Der verlorene Frühling hatte ihnen den Weg gezeigt und Cassia als Baumnymphe konnte sie spüren.

Dann folgten die nächsten Zeilen. Während Sam sich nach gefühlten Stunden schweren Herzens erhob. Die nächsten Zeilen des Orakels schlichen sich in die Gedanken des Jungen.
“Des Frühlings Blut soll tragen, was einst gegeben,
des Todes Blut den alten Schwur erheben.”
Sam erhob sich schweren Herzens. Was wahrscheinlich nur ein paar Augenblicke gewesen waren, war ihm vorgekommen wie dahin fliegende Stunden der Ewigkeit.
Die steinerne Tür besaß kein Schloss. Nur zwei Vertiefungen. Eine Narzisse und den Helm des Hades. Sam legte seine Hand auf die Blume. Nichts. Leo legte seine auf den Helm. Noch immer nichts. “Des Frühlings Blut“, murmelte Sam. Leo verstand. “Des Todes Blut”. Jeweils ein Schnitt öffnete die Handfläche der beiden Jungen und ein feiner Rinnsal Blut, ein Beweis ihres irdischen Lebens floss heraus. Sams Blut tropfte auf die Narzisse, Leos auf den Helm. Sofort begann goldenes Licht durch Sams Seite der Tür zu fließen, während sich von Leos Hand schwarze Schlieren durch den Stein zogen. Mit einem tiefen Dröhnen öffnete sich das Tor. Frühling und Tod hatten gemeinsam einen Schwur geweckt, der Jahrtausende geschlafen hatte.

Tränen bahnten sich ihre Wege über seine Wangen, ein nicht enden wollendes Zeugnis seines Schmerzes. Weitere Narzissen und Asphodel erblühten, während Sam weiter auf Leo hinab sah. Leo. Sein. Leo.
“Die Tochter des Baumes hört Wurzeln flehen,
nur sie vermag den stillen Pfad zu sehen.”

“Links“, sagte Cassia. Leo betrachtete die drei vollkommen identischen Tunnel. “Das entscheidest du anhand von?“ Cassia antwortete nicht. Sie hatte die Augen geschlossen und beide Hände gegen die Wand gelegt. Sam konnte nichts hören. Dann bemerkte er die Tränen auf ihren Wangen. “Cassia?“ Ihre Augenlider zuckten. “Sie flehen.“ Ihre Stimme war kaum hörbar. “Wer?“ Sie holte zitternd Luft. “Alle.“ Cassia öffnete die Augen. “Die Wurzeln wissen, wo sie ist. Sie sterben von außen nach innen.“ Cassia deutete auf den linken Gang. “Da entlang.“ Keiner stellte die Entscheidung der Baumnymphe infrage.

Hätten sie doch nur gewusst, was diese Zeilen genau bedeuteten. Hätten sie was ändern können? Diese Frage erklang immer und immer wieder in Sams Kopf. Er hörte Schritte die auf ihn zu kamen. Doch Sam murmelte die Zeilen weiter.
“Was Liebe einst dem dunklen König gab,
kehrt heimwärts an den Rand von Tod und Grab.”

Sam hob den schwarzen Samen vorsichtig vom Altar. Für einen Augenblick wurde die gesamte Höhle still. Dann erschien eine einzelne weiße Blüte auf seiner Handfläche. Leo stand neben ihm und betrachtete sie. “Das ist sie?“ Sam nickte. “Meine Mutter hat sie deinem Vater gegeben.“ Leo lächelte schwach. “Romantisch.“ er grinste. “Für deine Verhältnisse vielleicht.“ Sam schüttelte schmunzelnd den Kopf. “Meine Familie hat einen niedrigen Standard.“ Dann lachte er. Keiner von ihnen wusste, dass Persephones uraltes Geschenk, ihr Zeugnis ihrer immerwährenden Liebe zu Hades, in diesem Moment tatsächlich seine Heimreise begonnen hatte und dass einer von ihnen dafür zurückbleiben würde.

Vielleicht war Sam einfach zu gierig gewesen? Vielleicht hatte er einfach zu viel gewollt? Er ballte die Hände zu Fäusten. Er zuckte zusammen, als er eine Hand spürte, die sich um seine legte. Für einen kurzen Moment hatte Sam die Hoffnung, es sei Leo. Doch ein Blick zur Seite zeigte ihm, dass es Cassia war. Eine hübsche Baumnymphe mit warmer brauner Haut, langen kastanienbraunen Wellen und grün-braunen Augen. Zwischen ihren Haaren wuchsen kleine Blätter und feine Zweige, die ihre Verbindung zur Kassie zeigten. So sehr Sam auch Cassias Anblick mochte, so sehr war er jetzt enttäuscht, dass sie es war und nicht Leo.
“Doch wird begehrt, was freiwillig gegeben,
verschlingt die tote Erde jedes Leben.”

Kaum hatte Sam den Samen vom Altar genommen, schossen schwarze Wurzeln aus der Erde. Cassia schrie. Auf ihren Armen breiteten sich dunkle Risse aus. “Sie wollen ihn zurück!“ Den schmerzverzerrten Blick Cassias, würde Sam niemals vergessen. “Wer?!“, rief Sam. Cassia presste beide Hände gegen ihre Ohren. “Die Toten!“ Leo mischte sich ein. Flüsternde Stimmen erfüllten die Höhle. ‘Bleib. Unser. Nicht fort.’ Sam presste die Erstblüte an seine Brust. Da verstand er. Persephone hatte den Samen freiwillig verschenkt. Die verlorenen Seelen hatten aus diesem Geschenk Besitz gemacht. Sie hielten den Frühling fest und während sie ihn für sich beanspruchten, starb über ihnen die Welt.
Hätte er fordernder sein sollen? Hätte er mehr auf Leo einreden müssen? Hätte er ihn aufhalten sollen? Es riskieren sollen, dass der Frühling stirbt? Wider seiner Natur handeln? Sam ist ein Sohn des Frühlings. Persephones, geliebtes Kind. Sam hörte, dass Cassia etwas sagte, doch die Worte drangen nicht zu ihm durch. Sanft, zog sie ihn mit sich. Sams von Tränen verschleierter Blick hing noch immer am Frühlingsgrab, das nun Leo als letzte Ruhestätte diente.
“Will Grün erneut zum Licht der Sonne dringen,
muss Tod dem Frühling seine Freiheit bringen.”

Leo las die Inschrift ein zweites Mal. Dann ein drittes. Sam sah, wie sämtliche Farben aus seinem Gesicht verschwand. “Was steht da?“ Leo schwieg. “Leo?“ Langsam sah der Sohn des Hades ihn an. “Der Samen braucht einen Wächter.“ Sam verstand noch nicht. Leo schon. “Damit du ihn zurückbringen kannst“, sagte er leise, “muss jemand seinen Platz einnehmen.“ Sam sah ihn noch immer verwirrt an. “Was meinst du damit. Das macht keinen Sinn.” Sam sah auf die Erstblüte in seinen Händen, ein kleiner Samen der nun alles bedeutete. Frühling. Dann sah er zu Leos Händen. Tod. Plötzlich wusste er, was das Orakel von Anfang an verlangt hatte. “Nein..”

Sam hatte geglaubt, “Tod“ wäre ein Ort. Vielleicht die Unterwelt. Vielleicht Hades selbst oder die Geister, denen sie auf ihrem Weg begegnet waren. “Frühling“ hatte für ihn immer die Erstblüte bedeutet. Den Samen. Das Ding, das sie retten sollten. Er hatte sich geirrt. Der Frühling war kein Samen. Der Frühling war er. Ein Sohn Persephones und der Tod stand direkt vor ihm. Leo. Die Worte des Orakels klangen nicht mehr rätselhaft. Sie waren grausam. Der Tod musste dem Frühling seine Freiheit bringen. Leo musste Sam gehen lassen und er begriff mit einem Mal, dass er die Prophezeiung nie falsch verstanden hatte. Er hatte nur verzweifelt versucht, etwas anderes in ihr zu sehen.

Mit jedem Schritt, dem sie sich entfernten, brach Sams Herz in mehr und mehr Stücke, zersplitterte und erstach mit seinen Scherben jedes Glück in Sam selbst. Immer weiter. Ein Stück nach dem anderen. Das Orakel hatte von Anfang an gewusst, was der Preis sein würde, wenn sie den Frühling retten wollten. Immer wieder stolperte Sam. Ein Wimmern entkam ihm. Ein Schlurzen. Die Tränen versiegten nicht, als er an den letzten Moment dachte. Wieder zitierte er Zeilen.
“Hält fest das Herz, wird jede Knospe sterben,
lässt Liebe los, wird Leben Leben erben.”

“Ich liebe dich nicht.“ Sam starrte Leo an. Die Lüge tat beinahe körperlich weh. “Sag das noch mal.“ Leo zwang sich, Sams Blick standzuhalten. “Ich liebe dich nicht.“ Sam trat näher. “Lügner.“ Sam hörte sein eigenes Blut rauschen. “Sam-“ Sam packte Leos Hand. Sofort verdorrte die weiße Blüte der Erstblüte. Hinter ihnen brach Cassia keuchend zusammen. Die frischen Blätter in ihrem Haar wurden braun und verdorrten. Leo sah darauf. Dann auf ihre ineinander verschränkten Hände. “Siehst du?“ Tränen liefen über sein Gesicht. “Wenn ich dich festhalte, stirbt alles.“ Sam schüttelte verzweifelt den Kopf. “Dann soll es einen anderen Preis nehmen.“ Auch ihm liefen die Tränen über das Gesicht. “Es will keinen anderen.“ Leo löste Sams Finger langsam von seinen. Einen nach dem anderen. Mit jedem Finger richtete sich die Blüte wieder etwas auf. Sam weinte. “Du kannst deine Liebe verleugnen. Du kannst sie hier begraben und den Toten geben, wenn sie einen Preis brauchen.“ Leo hielt inne. Sam sah ihn an. “Aber du kannst nicht verlangen, dass ich so tue, als hätte sie nie existiert.”

Sam hätte dort für immer sitzen bleiben können. Doch Cassia hatte andere Pläne, denn die letzten Zeilen des Orakels mussten erfüllt werden, damit diese Geschichte, Leo, ein Ende finden konnte. Ein letzter Blick zurück, bevor sie die Höhle verließen. Sam beobachtete, wie die grünen Ranken Leos Körper begruben. Ein Meer aus weißen Narzissen und Asphodel breitete sich aus, bis die gesamte Höhle im Weiß der Blumen erstrahlte.
Dann flüsterte er:
“Drei steigen nieder, wo kein Morgen scheint,” seine Stimme zitterte.
“zwei kehren heim, wenn selbst der Frühling weint.”
Sam blieb am Eingang stehen. Cassia wartete einige Schritte vor ihm, in seinem Rücken die Dunkelheit der Höhle. Vor ihnen fiel zum ersten Mal seit Tagen Sonnenlicht durch die Bäume. Sam blickte neben sich. Dort hätte Leo stehen müssen. Ein dummer Kommentar. Eine blaue Jeans mit bunten Patches. Dieses schiefe Grinsen. Irgendetwas. Doch dort war niemand. Cassia griff erneut nach Sams Hand. Erst jetzt bemerkte sie, dass überall um seine Füße Narzissen aus der Erde wuchsen. Auf ihren Blüten lagen kleine Wassertropfen. Dabei regnete es nicht. Sam löste sich vorsichtig von Cassia und kniete sich hin. Er berührte eine davon. Eine Träne fiel von seinem Kinn auf die weißen Blütenblätter. Drei waren hinabgestiegen, nur zwei standen wieder unter dem Himmel.

Und während überall um sie herum der Frühling erwachte, weinte eines seiner Kinder.
Nyssa McCallen Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.
Miras Herz drohte ihre Brust zu sprengen, zu viele Gedanken fluteten gleichzeitig ihr Gehirn, die Lichter waren zu grell, die Geräusche zu ohrenbetäubend, die Gefühle zu überwältigend.
In Gedanken ging sie noch einmal alles durch, was geschehen war — alles besser als nachzudenken. Als zu realisieren, dass all das wirklich geschehen war.

Folge dem Ruf des Vergangenen
Es machte irgendwie keinen Sinn. Als würde irgendetwas fehlen. Aber sie wusste nicht, was.
Grüner Nebel, eine Stimme, die wie ein gesamter Chor klang und Mira einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Die Worte des Orakels hallten immer noch in den Ohren der jungen Hermeserbin wider. Es machte einfach keinen Sinn. Sie hatte nicht einmal eine Ahnung, wo sie hin musste. Wer war der Vergangene? Welcher Ruf? Ein anderer Halbgott? Erbe? Möglicherweise jemand aus der Antike? Warum mussten Prophezeiungen bloß so kryptisch sein? Und dann war es sogar nur ein Zweizeiler, der sich unvollständig anhörte.
Sie saß in ihrer Hütte auf ihrem Bett, während sie sich weiter überlegte, was sie jetzt machen sollte. Womöglich ging es in die Unterwelt? Das würde zumindest zu dem Vergangenen passen. Aber was sollte sie dort? Sie verstand es einfach nicht. Hätte sie Freunde, hätte sie diese wohl um Rat gefragt. Doch meistens erwiesen sich andere nur als eine unnötige Last. Widerwillig wanderten ihre Gedanken zu ihrer Mutter.
Du brauchst nur dich selbst. Alle anderen verhindern dich nur.
Ts. Als ob sie nicht wüsste, dass sie ihre jetzige Art dieser Frau zu verdanken hatte. Der es scheinbar nur um ihr eigenes Ansehen ging. Um ihren Sohn. Um ihr Vermögen. Um alles, außer Mira. Kein Wunder, dass ihr Vater sich hatte scheiden lassen. Und dafür beide Kinder zurückließ. Aber vielleicht hatte ihre Mutter in diesem Punkt Recht. Sie brauchte sie nicht. Sie brauchte niemanden. Nicht um glücklich zu sein, nicht für diese Quest, gar nicht. Sie brauchte niemanden. Niemanden, der sie weiter verletzen konnte. Nicht die ganzen verpassten Anrufe ihrer Mutter innerhalb der letzten Wochen. Keine falschen Entschuldigungen. Doch das Aufleuchten ihres Handy mit der Nachricht einer anderen Nummer ließ sie aufblicken.
Komm bitte nach Hause, es ist dringend
Was zum Hades. Wann hatte sie mit dieser Nummer das letzte Mal geschrieben? Es musste schon Ewigkeiten her sein. Zwar erlaubten die modernen Handys auch für Halbgötter die Kommunikation und für Erben war es sowieso noch einmal eine andere Sache, aber es hatte eben trotzdem ein gewisses Risiko. Zumindest redete sie sich selbst ein, dass das der Grund war, warum sie nicht mehr wirklich mit ihrem Bruder in Kontakt stand. Ihr Bruder, der schon längst aus dem Camp raus war. Der ein ach so perfekter Mensch geworden war. Alles, was sie niemals sein konnte.
Sollte sie hingehen? Sie hatte schließlich eine Quest. Das war ihre Priorität. Oder? Ihre Familie hatte sie doch sowieso nie gewollt. Also, warum sagte ihr Herz ihr dann, dass sie trotzdem hingehen sollte?

Die Sechzehnjährige würde das hier definitiv noch bereuen. Was machte Mira hier? Sie hatte eine Quest, eine Prophezeiung zu erfüllen. Stattdessen stand sie jetzt hier, an dem Ort, an den sie nie wieder zurückkehren wollte. Und doch war sie hier.
Ihr Finger schwebte über der Klingel, immer noch unsicher, ob das hier wirklich die richtige Entscheidung war. Wahrscheinlich nicht. Sehr wahrscheinlich nicht. Aber ein paar Minuten wollte sie ihnen geben.
Durchatmen. Beruhigen. Klingeln… 21, 22, 23, 24, 25… 5 Sekunden vergingen, bis sich die Tür öffnete. Schnell. Zu schnell. Sie hätte sich eigentlich mehr Zeit zum Vorbereiten gewünscht.
“Du bist da. Komm rein.”
Ihr Bruder machte ihr Platz, sodass sie eintreten konnte. Und obwohl es Mira schwer fiel, Personen zu lesen, sah ihr Bruder doch irgendwie… leer aus. Erschöpft. Seltsam.
Ihr Blick schweifte durch die Wohnung, die sie selbst jahrelang ihr Zuhause nennen durfte, und doch fühlte es sich irgendwie fremd an. Und leer. So leer wie die Augen ihres Bruders. Aber es fehlte doch nichts, oder?
“Setz dich. Bitte.”
Okay, das war wirklich merkwürdig. Unbehagen breitete sich in der Erbin mit jeder Sekunde, die verstrich, weiter aus. Außerdem bat ihr Bruder nie um irgendetwas. Insbesondere nicht sie. Genau deswegen tat sie wahrscheinlich auch wie geheißen und setzte sich auf die Couch, immer noch wortlos. Doch der Ältere machte scheinbar auch keine Anstalten, irgendetwas zu erklären, sondern reichte ihr nur ein Paar Kopfhörer. Das war alles merkwürdig. Unglaublich merkwürdig. Und wo war ihre Mutter überhaupt? Obwohl, es passte ja zu ihr. Nicht da zu sein, wenn man sie brauchte. Aber sie brauchte sie ja nicht mehr. Nach all den Jahren würde es eh keinen Unterschied mehr machen. Also setzte sie einfach die Kopfhörer auf.

Befrei der Seele Gefangenen Es machte irgendwie keinen Sinn. Als würde irgendetwas fehlen. Aber sie wusste nicht, was.
Doch dann spielte die Audio sich auch schon ab.
Hey Liebes. Du hast wahrscheinlich einige Fragen. Was machst du hier? Wo bin ich? Warum die ganzen Anrufe. Ich hoffe, dass ich zumindest einige davon hiermit beantworten kann.
Aber bevor ich damit anfange, wollte ich mich erstmal entschuldigen. Ich dachte, ich hätte das Richtige getan, doch mittlerweile weiß ich, wie falsch ich doch damit lag. Ich weiß auch, dass es spät ist. Zu spät. Du denkst dir gerade wahrscheinlich, was das hier soll. Warum ich es dir nicht direkt sage.

Ein Husten unterbrach die Audio und Mira ahnte Böses, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte.
Wenn du dir das anhörst, ist es für mich schon längst zu spät. Zu spät, um dich noch einmal in den Arm zu nehmen, um dir zu sagen, wie leid es mir doch tut, zu spät, um all die Jahre wieder gut zu machen, die ich durch meinen eigenen Egoismus mit dir versäumt habe. Zu spät, um dir noch einmal eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen, zu spät, um dir Tipps für den ganzen Halbgötter-Kram zu geben, zu spät, um dir zu sagen, dass du trotz meines Verhaltens mein Baby bist, und ich nur das Beste für dich wollte, und ich dich wirklich unglaublich lieb hab. Es tut mir so leid, es tut mir so unglaublich leid, darauf schwör ich beim Styx–
Ihre Stimme brach und irgendetwas in Mira tat es ebenso. Es war real. Sie war tot. Sie war wirklich tot. Und vielleicht, ganz vielleicht, brauchte sie ihre Mutter doch, irgendwo ganz tief in ihrem Herzen. Aber dafür war es jetzt zu spät. Was nicht hieß, dass sie ihr vergab, aber es löste trotzdem etwas in ihr aus. Bedauern, womöglich?
Das Mindeste, was ich dir geben kann, ist aber eine Erklärung. Es ging nie darum, dass ich dich nicht mag. Ganz im Gegenteil. Du bedeutest mir unglaublich viel. Aber kurz vor deiner Geburt war ich noch einmal im Camp, Freunde besuchen. Und bekam dort eine Prophezeiung.
Wenn Blut nach seinem Blute schreit
Zurück zum Anfang deiner Zeit
Doch Wissen ist manchmal ein Leid
Und ich war mir so sicher, dass die Prophezeiung über dich war. Schließlich bist du mein Blut. Ich wollte dich vor dem Leid schützen, aber ich wusste nicht wie. Ich wusste nicht wie, und wahrscheinlich bin ich gescheitert. Ich hätte wissen müssen, dass ich dem Schicksal nicht entgehen kann. Ich hätte offen mit dir kommunizieren müssen. Nicht jetzt erst, sondern schon viel früher. Ich weiß jetzt, dass ich falsch lag, aber vielleicht konnte ich zumindest ein paar deiner Fragen beantworten. Du wirst für immer in meinem Herzen bleiben, selbst wenn der Lethe mich dich vergessen lässt. Es tut mir leid. Ich hab dich lie…
Die Audio ging in ein Rauschen über, ein langgezogenes Piepen, und dann brach sie ab. Tränen fluteten die Augen der Teenagerin, ihre Sicht verschwamm und sie spürte kaum, wie ihr Bruder sie in eine Umarmung zog, nur, dass sie sich an ihn lehnte. Sie hasste ihre Mutter. Sie hasste sie dafür, diese Entscheidung getroffen zu haben, sie im Dunkeln gelassen zu haben, es ihr nicht anvertraut zu haben. Sie hasste sie dafür, sie verlassen zu haben. Sie hasste sie dafür, ihr jetzt die Wahrheit gesagt zu haben, denn wie sollte sie sie hassen, wenn es ihr das Herz zerbrach?
Tief durchatmen. Atem beruhigen. Puls beruhigen. Klar denken. Ihre Mutter hatte eine Prophezeiung gehabt, die anscheinend wichtig war. Wie? Sie wusste es nicht.
“Hast du einen Stift?”
Ihre Stimme zitterte mehr, als es ihr lieb war. Aber wenn es eine Prophezeiung gab, musste sie sich diese merken. Die Mission erfüllen. Einige Sekunden später kam ihr Bruder auch schon mit einem Stift und einem Blatt Papier — er hatte wohl mitgedacht — zurück.
Mit immer noch leicht zitternden Händen schrieb die Erbin beide Prophezeiungen nieder — und dann überkam sie die Erkenntnis. Deswegen hatte sich ihre Weissagung unvollständig angefühlt.

Wenn Blut nach seinem Blute schreit
Folge dem Ruf des Vergangenen
Zurück zum Anfang deiner Zeit
Befrei der Seele Gefangenen
Doch Wissen ist manchmal ein Leid

Es machte auf einmal alles Sinn. Es waren zwei Teile der selben Prophezeiung. Eine Prophezeiung, die sich längst erfüllt hatte. Die verpassten Anrufe ihrer Mutter. Die Nachricht ihres Bruders. Die Rückkehr zu dem Haus, in dem sie groß geworden war. Die Audio ihrer Mutter mit den Worten, die sie loswerden musste. Und das Wissen, das sie nicht gewollt hatte. Es war einfacher, jemanden zu hassen, als zu vermissen. Zu hassen, als zu vertrauen. Zu hassen, als zu lieben. Und als sie sich noch einmal im Zimmer umsah, vom Moment der Klarheit wieder verlassen — mit Tränen, die ihre Augen erneut füllten, denn auch wenn Hass einfacher war, kam Trauer doch unkontrollierter — überkam sie ein Gefühl von Leere. Die selbe Leere, die sie in den Augen ihres Bruders gesehen hatte.
Es machte irgendwie keinen Sinn. Als würde irgendetwas fehlen. Und sie wusste genau, was.
Wenn Fragen offenstehen oder es Unklarheiten gibt, wendet euch doch gerne an an die Botinnen/den Boten oder die SoMe-Leitung.
Ophelia Vega
und das SoMe Team
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